Billigstrom um
jeden Preis? |
Denkbar knapp war die Entscheidung des Dettenheimer Gemeinderats
vom 22. Januar 2002. Mit 9 Stimmen bei 7 Gegenstimmen und
3 Enthaltungen beschloss er die Teilnahme an der Bündelausschreibung
für Kommunalstrom des Gemeindetags.
Worum handelt es sich bei dieser Bündelausschreibung?
Seit der Liberalisierung des Strommarktes kann sich jeder
Endverbraucher seinen Stromlieferanten selbst aussuchen. Der
Netzbetreiber ist verpflichtet, gegen eine Gebühr diesen
Strom durchzuleiten. Die Position der Endverbraucher wurde
dadurch zunächst gestärkt. Besonders günstige
Preise lassen sich natürlich aushandeln, wenn sich Endabnehmer
zusammenschließen. Sie haben dann ein größeres
Gewicht im Markt, auch wenn sie nur eine Summe von vielen
Einzelabnahmestellen sind, deren Belieferung keinesfalls billiger
kommt als bei den Einzelkunden. Genau dies wird jetzt vom
Gemeindetag Baden-Württemberg praktiziert. Eine eigens
gegründete GmbH führt für die beteiligten Kommunen
(etwa die Hälfte nimmt teil) eine europaweite Ausschreibung
für die Stromlieferung 2003/2004 durch. Über die
Ausschreibungsbedingungen ist wenig bekannt. Es ist aber davon
auszugehen, dass niemand danach fragen wird, ob der Strom
aus Kraftwerken mit westeuropäischen Standards oder aus
wo auch immer angesiedelten Schrottreaktoren stammt. Eine
Beteiligung an der Ausschreibung ist bindend, d. h., die Teilnehmer
müssen den Strom vom günstigsten Anbieter der Ausschreibung
abnehmen.
Die Freien Wähler haben geschlossen gegen eine Teilnahme
an der jetzt vorgesehenen Ausschreibung votiert. Nachdem uns
deshalb vorgeworfen wurde, wir würden damit die Grundsätze
der Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit verletzen, möchten
wir an dieser Stelle die Argumente für unsere Entscheidung
darlegen. Das Wohl und die Interessen der Gemeinde lassen
sich nicht immer direkt in Euro und Cent messen.
Wir haben mit unserem jetzigen Stromversorger bisher gut und
vertrauensvoll zusammengearbeitet. Mit der Strom-, Gas- und
Breitbandverkabelung wurde die Infrastruktur unserer Gemeinde
erheblich aufgewertet. Im Vergleich zu den Holzmasten und
Freileitungen, die man im liberalen Stromland USA teilweise
sogar in Großstädten antrifft, ist unsere Erdverkabelung
bei Sturm und Schnee wesentlich ausfallsicherer. Ein schwerwiegendes
Argument, oder können Sie sich vorstellen im Winter über
Tage hin ohne Strom zu sein? Wenn ein Netzbetreiber aber zum
reinen "Durchleiter" wird, ist mit Sicherheit davon
auszugehen, dass die technischen Standards auf Dauer gesehen
sinken werden. Das wollen wir nicht.
Wir können auch kein Interesse daran haben, das Vertrauensverhältnis
mit einem Unternehmen zu schädigen, mit dem unsere Gemeinde
im Interesse der Bürger über Überleitungsrechte,
Grunddienstbarkeiten, Anschluss von Neubaugebieten usw. verhandeln
muss. Und irgendwo wird dieses Unternehmen seine Kosten auch
wieder hereinholen. Wir sitzen z. B. bei der jetzt so langsam
anlaufenden Thermoselectanlage und damit den Abfallgebühren
mit ihm in einem Boot.
Das Ja zur jetzt laufenden europaweiten Ausschreibung wird
vermutlich schon eine gewisse Einsparung bringen. Die Konsequenz
ist aber auch, dass wir europaweit den billigsten Anbieter
nehmen müssen, egal wo der Strom herkommt, wo die Arbeitsplätze
für dessen Erzeugung sind und ob der Preisvorteil den
Strompreis oder andere Gebühren für Sie als Bürger
hochtreibt.
Unser Nein zur Teilnahme bedeutet nun nicht, dass wir nicht
auch vom liberaleren Markt profitieren wollten. Wir hätten
aber, wie viele andere Gemeinden auch, zunächst einmal
gerne abgewartet, welche Konsequenzen sich aus der Europäischen
Ausschreibung ergeben. Mit "Trittbrettfahren" hat
das nichts zu tun. Es ist auch sicher konsequenter, als dem
lokalen Energieversorger gegenüber einerseits seine Sorgen
wegen der Sicherheit des Kernkraftwerks Philippsburg zu äußern
und ihn andererseits vorschnell in einen Preiskampf mit Anbietern
zu schicken, deren Kraftwerke bei Anlegung unserer Sicherheitsmaßstäbe
auf keinen Fall betrieben werden dürften. |
Im Artikel nicht enthaltene Argumente
Da die Ausschreibung nicht die großen Stromfresser wie
Nachtspeicherheizungen und Klärwerk umfasst, die über
Sonderabkommen bzw. die Verwaltungsgemeinschaft geregelt sind
zeigt, dass sich der Gemeinderat nicht umfassend mit dem Thema
auseinandergesetzt hat. |
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